12 | 11 | 2018

Nachdenklich im Januar

Der Christ ist zuerst ein Ja - Sager

Karl Rahner

 

Dem Vergangenen: Dank

Dem Kommenden: Ja

Dag Hammarskjöld

 

Stille Reserven. Kostenlos.

Dies ist kein Beweis für Verdrängung, kein Dokument der Schönfärberei oder gar der Naivität.

Natürlich ist die Krisenwahrnehmung dieser Tage begründet. Es gibt in der Tat gravierde Probleme,

wohin man auch schaut. Und doch leben, dies sei gesagt, viele Menschen in Europa in der besten

aller Welten, sonst wäre der Kontinent nicht Sehnsuchtsort so vieler Flüchtlinge. Der Wohlstand

ist enorm, und die Mehrheit der Deutschen ist recht zufrieden mit ihrem Leben. Wäre da nicht diese

Volkskrankheit, doch nicht richtig zufrieden sein zu können. Wo kommen wir denn da hin!

Und Zufriedenheit ist in der Tat ein problematischer mentaler Zustand, denn er wirkt sedierend,

macht flach und immun gegen Regungen und  Ausschläge jenseits des selbst verordneten Ruhestandes.

Doch der anhaltende Negativismus der Gesellschaft, diese aufgeladene Stimmung, die vielerorts zu

spüren ist, hat eine zersetzende Kraft. Das böse Reden, die Wut, der Hass greifen um sich:

unter Nachbarn, in Familien, auf der Straße, im Verkehr.

Jeder kennt das übellaunige Gemurre, den unfreundlichen Blick, die pampige Antwort oder unausgesprochene

Drohung gegenüber dem anderen. Dem kann man mental durchaus etwas entgegensetzen. Und wenn es

nur dem eigenen Seelenfrieden dient. Nein, hier spricht kein religiöser Spinner, kein fernöstlich angehauchter

Gutmensch. Hier äußern sich die gute alte Selbstbeherrschung, der bürgerliche Anstand. Freundlichkeit, Respekt,

Zuneigung: Das soll naiv sein? Lächerlich angesichts all der Verrohungen? Zugegeben: Es ist schwerer, freundlich

und nett zu sein, als wegzusehen und zu schweigen. Haben Sie sich heute schon über das plappernde Kind, das

der Vater morgens zu Kita schiebt, amüsiert? Den freundlichen Blick der Frau auf der Straße wahrgenommen?

Der älteren Frau den Sitz in der U-Bahn geräumt und sich über ihre Dankbarkeit gefreut? Haben Sie schon ein

Lied gesummt und gespürt, wie es in Ihnen vibrierte und Sie sich als Instrument begriffen, als Klangkörper, welch

Wunder der Natur? Haben Sie einen Blick in den Himmel geworfen, die vielen Wolken gesehen? Die Luft gerochen?

Die wunderschönen Bäume und das fallende Laub bewundert? Sind gegangen, geradelt, gerannt und haben Ihren

Körper gespürt und Ihren Atem, und das war keine bloße Hetze von einem Ort zum anderen, sondern ein

Durch-die-Welt-Schwimmen und Seine-Bahnen-Ziehen? Das kleine eigene Leben, die eine Geste, der besondere

Blick, das gute Gefühl: Alles ist eine Frage des Willens und der freien Entscheidung. Immer wieder.

 

Quelle: Kommentar "Die Welt" 11/2016 Andrea Seibel