29 | 06 | 2017

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Wie entsteht eine kritische Edition?

Übersicht

Die bisherigen Drucke der Werke Alberts des Großen sind weder vollständig, noch genügen sie den Anforderungen einer kritischen Edition.

Der Anspruch einer kritischen Edition besteht darin, unter Berücksichtigung aller erhaltenen Handschriften einen Text zu rekonstruieren, der dem beabsichtigten Ursprungstext Alberts so nahe wie möglich kommt. Hierbei sind folgende Arbeitsschritte zu durchlaufen:

  1. 1) Zunächst sind alle erhaltenen Textzeugen (Handschriften, frühe Drucke) ausfindig zu machen.
  2. 2) Ausgewählte Stücke aller Handschriften sind zu transkribieren, d.h. unter Auflösung der Abkürzungen in einer vollständigen lateinischen Version zu erfassen.
  3. 3) Die transkribierten Texte sind zu kollationieren, d.h. hinsichtlich ihrer Gemeinsamkeiten und Abweichungen zu vergleichen.
  4. 4) Im Idealfall ergibt sich aus diesem Vergleich ein Stammbaum (Stemma), der über die Abhängigkeit einzelner Handschriften und Handschriftengruppen Auskunft gibt.
  5. 5) Aufgrund dieser Ergebnisse wird eine signifikante Anzahl von Handschriften ausgewählt, die für die Erstellung des ganzen kritischen Textes verwendet werden.
  6. 6) Nach Maßgabe entsprechender methodischer Prinzipien wird durch Vergleich der ausgewählten Textzeugen derjenige Text (Haupttext) rekonstruiert, der dem ursprünglichen Text Alberts so weit wie möglich entspricht (Textkonstitution).
  7. 7) An den Stellen, an denen die Handschriften voneinander abweichen, werden die Textvarianten, die nicht in den Haupttext aufgenommen wurden, in einen Variantenapparat eingetragen, so dass sie für die weitere wissenschaftliche Arbeit zur Verfügung stehen.
  8. 8) Der Haupttext wird durch Überschriften, Absätze und Satzzeichen gegliedert.
  9. 9) Im so genannten Quellenapparat werden die ausdrücklich von Albert zitierten oder auch nur angedeuteten Quellen verzeichnet, um über Alberts Arbeitsmethode und seinen Wissensstand Auskunft zu geben.
  10. 10) Durch Übersetzung ins Deutsche ist der Text Alberts einem größeren Leserpublikum in zweisprachigen Parallelausgaben zur Verfügung zu stellen. 
  11. Ein Absatz aus dem Liber de causis (Editio Coloniensis XVII/2) dient der Erläuterung dieser Arbeitsschritte.

Die Handschriften

Verbreitung der Handschriften am Beispiel des Metaphysikkommentars
Verbreitung der Handschriften am Beispiel des Metaphysikkommentars

Die Werke Alberts des Großen werden im Mittelalter durch handschriftliche Kopien überliefert. Die Abschreiber, die nicht notwendig der lateinischen Sprache mächtig sein mussten, bedienen sich hierbei, um Zeit und das teure Pergament zu sparen, eines mehr oder weniger einheitlichen Abkürzungssystems. Groß- und Kleinschreibung sowie Satzzeichen finden kaum Verwendung. Eine Textgliederung gibt es in der Regel nur bei größeren Sinneinheiten, wie einzelnen Büchern, Traktaten oder Kapiteln. Oft werden Texte anonym überliefert: Es fehlen Angaben über die Werktitel und die jeweiligen Autoren. Mitunter kann es auch vorkommen, dass Werke einem Autor zugeschrieben werden, die dieser gar nicht verfasst hat.

In den wenigsten Fällen besitzen wir noch Handschriften, die vom Autor selbst stammen (Autograph).

Man geht davon aus, dass die bis heute erhaltenen Handschriften, die Texte von Albert überliefern, ein Zwanzigstel bis ein Zehntel der ursprünglich vorhandenen Manuskripte darstellen.

Vorhanden sind heute noch mehr als 2000 handschriftliche Textzeugen von den Werken Alberts des Großen, die in über 200 Bibliotheken Europas und Nordamerikas aufbewahrt werden.

Die frühesten Abschriften stammen aus der Zeit Alberts selbst, die spätesten aus dem 16. Jahrhundert, als der Buchdruck die handschriftliche Überlieferung verdrängt. Der Normalfall der Überlieferung besteht darin, dass Handschriften von Vorlagen abgeschrieben werden, die selbst schon Kopien sind. Je nach Sorgfalt der Abschreiber und nach Güte der Vorlagen, summieren sich im Verlauf der Überlieferung die Abschreibefehler. Hierfür sind in der Regel Unlesbarkeiten der Vorlagen, dann aber vor allem Missverständnisse bei der Auflösung der keineswegs eindeutigen Abkürzungen verantwortlich. Da die Abschriften für den wissenschaftlichen Gebrauch im Mittelalter selbst dienen, finden darüber hinaus auch Eingriffe (vermeintliche Verbesserungen und Ergänzungen) anderer Gelehrter statt, die dann Eingang in die weitere Überlieferungstradition finden und den ursprünglichen Text des Autors grundlegend verändern können.

Ein Beispiel:

Transkription des Textes der Handschrift Rom, Vat. lat. 717 [V]:

Epycurus autem super curans vel super cutem interpretatur.
Sortitus autem est hoc nomen eo quod primi phylosophantes epycuri fuerunt
super curantes dicti a communi plebe que non nisi conferentia cogitat. eo quod
de supervacuis ut eis videbatur rebus scrutarentur. et de superflu-
is quererent. superflua enim reputabant quecumque ad vite dome-
stice utilitatem non referrebantur. propter quod in vi. eth. dicit aristoteles
de anaxagora et tale quorum uterque epycurus fuit. quod omnes
mirabantur eos tamquam res ammirabiles scientes. et de (con)ferentibus
nullam habentes prudenciam

Transkription des Textes der Handschrift Köln, Bibliothek S. Albert (olim Bornheim Walberberg) 4 [Bo]:

Epicurus enim
supercurans vel super cutem interpretatur Sortitus
est autem hoc nomen eo quod primi philosophantes epicurei
fuerunt supercurantes dicti a communi plebe que non
nisi conferentia cogitat eo quod in supervacuis ut eis vi-
debatur in rebus scrutarentur et de superfluis quererent
Superflua enim reputabant quecumque ad vite domes-
tice utilitatem non referebantur propter quod in 6to ethicorum
dicit aristoteles de anaxagora et thale quorum uterque fuit
epicurus quod homines mirabantur eos tamquam res admira-
biles facientes et de conferentibus nullam habentes prudentiam

Textkonstitution

Abschnitt in der Editio Coloniensis
Abschnitt in der Editio Coloniensis

Aus dem handschriftlichen Material erfolgen die weiteren Schritte:

Kollation, Konstitution, Interpunktion, Normierung der Schreibung

01 Epicurus autem "supercurans" vel "super cu­
02 tem" interpretatur. Sortitus autem est hoc no­
03 men eo quod primi philosophantes Epicurei fu­
04 erunt "supercurantes" dicti a communi plebe,
05 quae non nisi conferentia cogitat, eo quod de
06 supervacuis, ut eis videbatur, rebus scruta­
07 rentur et de superfluis quaererent. Superflua
08 enim reputabant, quaecumque ad vitae dome­
09 sticae utilitatem non referebantur. Propter
10 quod in VI Ethicorum dicit Aristoteles de
11 Anaxagora et Thalete, quorum uterque Epicu­
12 reus fuit, quod "omnes mirabantur eos tam­
13 quam res admirabiles scientes et de conferen­
14 tibus nullam habentes prudentiam".

Zeilenbezogen werden die Apparate angelegt:

Variantenapparat (Bo = Bornheim / V = Rom, Vaticana)

1 autem] enim Bo 2 autem est] inv. Bo 6 rebus] in praem. Bo 11 Thalete] tale V 11-12 Epicureus fuit] inv. Bo omnes] homines Bo 13 scientes] facientes Bo 13-14 conferentibus] corr. V

Quellapparat (Nachweis des Zitats aus der Aristotelischen Ethik)

10 Arist., Eth. Nic. l.6 c.7 (1141 b 3-8); transl. Rob. Lincoln.: Arist. Lat. XXVI, 1-3 p. 260 v. 16-20. Alb., Super Eth. Ed. Colon. t. 14 p. 465 v. 78-80: "Propter quod Anaxagoram et Thalem et tales sapientes quidem, prudentes autem non aiunt esse, cum videant ignorantes conferentia sibi ipsis, et superflua quidem et admirabilia et difficilia et intellectualia scire ipsos aiunt, inutilia autem, quoniam non humana bona quaerent."

Übersetzung

Zusammenschau der erläuterten Schritte
Zusammenschau der erläuterten Schritte

Durch die Übersetzung wird der Text weiter erschlossen:

"Epikur" aber versteht man als "Über-Kümmerer" oder "auf der Haut". Gewählt aber ist dieser Name, weil die ersten Philosophierenden Epikureer waren, die vom gemeinen Volk, das nur die vorteilhaften Dinge betrachtet, "Über-Kümmerer" genannt worden sind, weil sie die wertlosen Dinge, wie es ihnen erschien, betrachten und hinsichtlich des Überflüssigen Untersuchungen anstellen würden. Für überflüssig hielten sie nämlich alles, was nicht zum Nutzen des häuslichen Lebens beitrug. Deswegen sagt Aristoteles im sechsten Buch der Nikomachischen Ethik von Anaxagoras und Thales, die beide Epikureer waren, "dass alle sie bewundert haben, weil sie bewunderswürdige Sachen wussten und hinsichtlich der vorteilhaften Dinge ohne jede Klugheit waren".