11 | 12 | 2017

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Wer ist Albertus Magnus?

Albertus Magnus wird um 1200 in Lauingen an der Donau geboren und erfährt vermutlich in der Nähe seines Geburtsorts seine erste Ausbildung. Ab 1222 studiert er in Padua, vermutlich die geisteswissenschaftlichen Grundlagenfächer Grammatik, Logik und Rhetorik, sowie möglicherweise auch Jura und Medizin. In Padua begegnet er Jordan von Sachsen, dem zweiten Ordensmeister des gerade erst gegründeten Dominikanerordens. Der neue Orden rekrutiert seine Mitglieder mit Vorliebe in den europäischen Universitätsstädten: junge, mutige Intellektuelle mit großer Einsatzbereitschaft und der Freiheit dorthin zu gehen, wo sie gebraucht werden. In den zwanziger Jahren des 13. Jahrhunderts tritt Albert dem Dominikanerorden bei und wird zur Fortsetzung seines Studiums in die bedeutendste Ordensniederlassung in Deutschland, nach Köln, gesandt. Dort studiert er Theologie – so, wie sie zu dieser Zeit üblich ist: die Sentenzen der Kirchenväter, die Heilige Schrift und die liturgischen Bücher, das heißt vor allem: Dogmatik und Moraltheologie.

In den folgenden Jahren sehen wir Albert als Dozenten in den Dominikanerkonventen in Freiburg, Regensburg, Straßburg und wiederum Köln – lehrend, lesend und schreibend. Seine ersten Werke stammen aus dieser Zeit – Mehr als 70 sollen es schließlich werden bis zum Ende seines langen Lebens. Schon in diesen ersten Werken zeigt er eine stupende Belesenheit. Er kennt nicht nur die Werke, die die meisten Theologen seiner Zeit kannten, sondern auch zahlreiche naturwissenschaftliche Schriften, einzelne Werke des Aristoteles, psychologische und anthropologische Fachliteratur. All das geht ein in sein voluminöses Werk „Über den Menschen", die erste Anthropologie, die im Abendland geschrieben wurde.

Ein solcher Kopf musste auffallen. Anfang der vierziger Jahre des 13. Jahrhunderts wird Albert zum Promotionsstudium nach Paris geschickt. Paris ist zu dieser Zeit das, was man heute ein Exzellenzzentrum mit internationaler Ausstrahlung nennt, der Treffpunkt für die intellektuelle Elite des Abendlandes, ein Umschlagplatz für neue Ideen und unbekannte Texte. Hier absolviert Albert seine Assistentenzeit und wird 1245 promoviert. Gleich darauf wird er Professor und übernimmt an der Pariser Universität einen der Lehrstühle, die für Nicht-Franzosen reserviert sind: Er wird Mitglied eines international besetzten Kollegiums für eine international bestimmte Hörerschaft.

In dieser Zeit schreibt Albert an seinem Lehrbuch der Theologie, im Druck umfasst es heute 4000 Seiten. Zusätzlich überarbeitet er, was er zuvor schon geschrieben hatte. Warum das? Weil er neue Werke des Aristoteles und anderer Autoren, Griechen und Araber, Juden, Christen und Moslems, kennen gelernt hat. Was er durch diese Texte lernt, veranlasst ihn dazu, seine bisherigen Ansichten zu korrigieren und zu ergänzen.

Als im Juni 1248 das Generalkapitel beschließt, für den ständig wachsenden Orden vier zusätzliche internationale Studienzentren nach dem Modell der Pariser Universität ins Leben zu rufen, fällt die Wahl auf Albert. Er soll das Generalstudium des Ordens in Köln aufbauen und leiten. Albert erweist sich als Pionier. Was ihn schon in Paris bestimmte, neue Texte zu lesen und zu verarbeiten, macht er nun zum Programm: Er legt seinen Vorlesungen auch andere Texte zugrunde, als sie im Standardprogramm üblich waren. Neben die Theologie tritt die Philosophie; zunächst auf indirekte Weise, nämlich in Auseinandersetzung mit den Schriften eines vermeintlichen Schülers des Apostels Paulus, Ps.-Dionysios Areopagita, die in Wirklichkeit aber das spekulative Werk eines philosophisch geschulten Christen des 6. Jahrhunderts darstellen. Dann auf direkte Weise und offensiv – Albert liest über die Nikomachische Ethik des Aristoteles, eine Ethik ohne Gott, eine Lehre vom glücklichen Leben ohne ewiges Leben.

Der Erfolg spornt ihn an; die Feinde im Orden nicht weniger. Es soll nicht bei der Ethik des Aristoteles bleiben. Alles, den ganzen Aristoteles, sein ganzes logisches, philosophisches und naturwissenschaftliches Werk, will er fruchtbar machen für die Wissenschaft seiner Zeit. Mit der Physik des Aristoteles fängt er an. In ihr stellt er eine Einteilung der Naturwissenschaften und eine Liste aller einschlägigen Werke des Aristoteles vor. Diese Texte und die Experimente, zu denen sie anregen, sind die Quellen seines Wissens. Von den einfachen Körpern und den zusammengesetzten wird Albert handeln, von den unbeseelten und den beseelten, von Steinen, Vulkanen und Erdbeben, von Bäumen und Kräutern, von Walen, Fischen und Insekten – bis hin zum Menschen und seiner Fähigkeit, mit Hilfe der Vernunft die Wirklichkeit im Ganzen zu durchdringen. Parallel dazu erklärt er die logischen Schriften des Aristoteles. Beide zusammen bilden die Voraussetzung für eine Philosophie, die zeigt, was die menschliche Vernunft aus eigener Kraft vermag. Das zeigt sie nirgends schärfer als in der Metaphysik und wenn sie darüber spricht, wie das Göttliche inhaltlich bestimmt werden kann. Diese letzte Frage der Metaphysik hatte Aristoteles nicht zum Thema gemacht. Albert selbst weicht dieser Frage nicht aus. Als er am Ende seines Lebens alle Werke des Aristoteles kommentiert hat, nimmt er sich das „Buch von den Ursachen" vor. Ein in Bagdad im 9. Jahrhundert entstandenes Werk, das zu Alberts Zeit als ein Werk des Aristoteles galt. Da findet er, wie sich die letzte Ursache, auf die alles zurückgeführt werden kann, denken lässt. Mit diesem gewaltigen Forschungsprojekt treibt er die Philosophie an die Grenzen ihrer Möglichkeiten und stellt ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis.

Zugleich wird damit klarer, was die Theologie leisten muss, wenn sie im wissenschaftlichen Gespräch seiner Zeit gehört werden will, welche Aussagen ihr möglich sind, wenn die Philosophie verstummt – und umgekehrt. Die Landkarte der Wissenschaften wird von Albert im Lauf seines Lebens völlig neu vermessen und zwar so, dass sein Modell noch heute die Universitäten bestimmt.

Dass dieser Anspruch, die Welt wissenschaftlich zu erklären, nur erhoben werden kann, wenn geeignete institutionelle Voraussetzungen gegeben sind, weiß Albert sehr genau. Nicht nur die Inhalte müssen stimmen, auch der äußere Rahmen muss passen. Albert entwirft das Curriculum des neu gegründeten Generalstudiums und schreibt die Organisation des Studiums fest, und das so erfolgreich, dass er sie zugleich im Orden durchsetzt. Im Jahre 1259 beruft der Ordensmeister der Dominikaner eine Studienreformkommission, die die Weichen im Dominikanerorden stellt – für bessere Studienbedingungen, für regelmäßige Evaluation, für eine überprüfbare Effizienz des Studiums, für eine nachhaltige Qualitätssicherung des Lehrangebots, für die Heranbildung einer intellektuellen Elite im Dominikanerorden. Albert ist eines der Mitglieder der Kommission; genauso sein Schüler Thomas von Aquin. Die Reformkommission regelt nicht nur Ausbildung und Studium und schafft damit den Freiraum für theoretische Reflexion, sie regelt auch die Fort- und Weiterbildung der übrigen Dominikaner. Wovon Albert selbst ganz bestimmt war, wird zum Programm des Ordens: lebenslanges Lernen.

hat Albert nicht allein als Stubengelehrter geschaffen. Er hat sich in die Pflicht nehmen lassen, von seinem Orden, vom Papst und von seinen Mitbürgern in Köln. 1254 wird er zum Provinzial der Dominikanerprovinz Teutonia gewählt und besucht in den folgenden Jahren fast alle der 40 Konvente, zusätzlich die 20 Frauenklöster, alles zu Fuß, quer durch Mitteleuropa. Zum Abschluss dieser Reisen trifft er mit dem Papst zusammen, und dieses Treffen ist notwendig, dem Orden zuliebe. Ein Professor der Universität Paris hatte die Dominikaner und alle Bettelorden hart angegriffen und beim Papst denunziert. Albert verteidigt seinen Orden und damit die Wissenschaftskultur, für die er steht – letzten Endes erfolgreich, so erfolgreich, dass der Papst ihn bittet, Gastvorlesungen am päpstlichen Hof zu halten.

1258 treffen wir ihn wieder in Köln an. Dort wird er sehnsüchtig erwartet, nicht nur von seinen Schülern und Mitbrüdern. Die Kölner Bürger sind es, die ihn brauchen. Denn schon sechs Jahre zuvor war es ihm geglückt, den Streit zwischen den Bürgern von Köln und Erzbischof Konrad von Hochstaden zu schlichten. Jetzt, sechs Jahre später, ist der Streit erneut eskaliert. Bei Frechen war es zum Gemetzel zwischen den Truppen beider Seiten gekommen. Wiederum ist es Albert, dem es gelingt, einen Schiedsspruch zu fällen, der von beiden Seiten akzeptiert wird.

Wer über ein solches Spektrum an Begabungen verfügt, ist prädestiniert für höhere Aufgaben. Das weiß auch der Papst. Als 1260 das Domkapitel in Regensburg so zerstritten ist, dass es ihnen nicht mehr gelingt, einen Bischof zu wählen, setzt Papst Alexander IV. Albert als Bischof ein. Dies geschieht gegen den erklärten Willen des Ordensmeisters der Dominikaner, Humbert von Romans: „Lieber will ich Dich tot auf der Bahre liegen sehen", schreibt er in einem Brief an Albert, „als auf dem Bischofsstuhl von Regensburg." Doch Albert beugt sich dem Willen des Papstes. Nach nur anderthalb Jahren hat er die maroden Finanzen des Bistums saniert und den Weg für eine einvernehmliche Wahl geebnet. Dann tritt er zurück und zieht sich wieder an den Schreibtisch zurück, erst nach Würzburg, dann nach Straßburg und schließlich wieder nach Köln.

Der letzte nachweislich von ihm „bei körperlicher und geistiger Gesundheit" verfasste Text ist sein im Januar 1279 entstandenes Testament. In ihm hebt er die Brüder des Kölner Konvents hervor, „bei denen ich länger als sonst irgendwo gewohnt und gelehrt habe und die sich um mich durch viele Wohltaten und Liebesdienste verdient gemacht haben". Ihnen vermacht er nicht nur seine Bücher für die Bibliothek und seine liturgischen Gewänder für die Sakristei, sondern auch sein Vermögen, damit es zur baulichen Vollendung des Chores der Kirche verwendet werde. Albert der Große stirbt am 15. November 1280 in Köln.